Allgemein

Hinten bocksteif, vorne cool

Von Gert Bruderer rheintaler.ch/artikel/hinten-bocksteif-vorne-cool/9627

Christmas-Party? Gut, wieder mal rein in die Siebziger! Den Samstagnachmittag nutze ich zum Schallplattensortieren. Dabei kommt mir Copter in die Hände. «Fahrt ii und ab.» Wie schöne Erinnerungen.

WIDNAU. Eine dieser Erinnerungen sind die Copter-Konzerte. Schon vor drei Jahrzehnten griff Thomas Lüchinger nonchalant in die Saiten, die Songs waren allesamt in Mundart und selbst komponiert. Ruedi Huber, heute SFS-Verwaltungsrat, spielte die zweite Gitarre, Carlo Lorenzi, längst Schlagzeuger von Beruf, sass an den Drums.

Copter auf eBay

In meiner Plattensammlung steckt die Copter-Scheibe zwischen Bruce Springsteen und Led Zeppelin, kein schlechter Platz, und weil’s mich juckt, gebe ich den Bandnamen bei eBay ein. Tatsächlich, Treffer! Ein Anbieter aus Berlin hat gleich zwei Copter-LPs ins Netz gestellt, für umgerechnet etwa 16 Franken kann man eine haben.

Nun sind Copter freilich nicht die Flying Koteletts und Lüchinger ist auf der Bühne das einzige Bindeglied. Im Publikum ist noch ein zweites – Ruedi Huber, der gut gelaunt Fotos macht.

Was Copter fehlte, das war ein Energiebündel wie Peter Giger, der Sänger der Flying Koteletts. Zu Copter-Zeiten war Energie etwas, das man zwar hatte, aber nur in ausgewählten Momenten zur Schau stellte.

Im Durchschnitt etwa 40

Samuel Tanner, bis vor einem knappen Jahr Redaktor der Rheintaler Tageszeitungen (jetzt bei der «Basler Zeitung») taucht an der Christmas-Party im Widnauer Metropol auf, scherzt. Er sei gekommen, um den Schnitt zu senken. 24 ist er und an diesem Abend immerhin nicht ganz der Jüngste. Mindestens ein Mädchen um die 16 ist mit ihren Eltern da. Vermutlich ungefähr im Schnitt ist Patrick Dürr, der Präsident der CVP-Kantonalpartei, Jahrgang 1973.

Dürr gibt zu verstehen, dass er diese Christmas-Party lässig finde, und so wirkt der CVP-Kantonsrat auch. (Dürrs Kinder, Jg. 1999 und 2001, sind vielleicht noch eine Spur zu jung, um auch dabei zu sein.)

Copter und The Flying Koteletts sind wie Tag und Nacht, genauso unterschiedlich sind die Auftritte an der Christmas-Party. Die Acoustic Diamonds (früher hätte man sie Vorgruppe genannt) spielen Songs wie Foreigners «Juke Box Hero» (1981) oder Brian Adams «Summer of 69» (1979) und streuen ein zünftiges «Jingle Bells» ein – es ist eine schöne Zeitreise nach hinten, und der Anblick von Andi Fässler und Mich Kehl (die in der gut 20-jährigen Band Black Diamonds mitwirken) macht die gute alte Zeit gut sichtbar: Jeans, Jeans-Gilet, Hüte, lange Haare.

Kurioser Kontrast

Das durchgehende Lächeln und das sichtliche Vergnügen der beiden Kriessner wird abgelöst von den ernsten Mienen der bocksteifen Dudelsack-Formation mit dem langen Namen The First Leiblach Valley Pipes and Drums. Die «erste Schottische Dudelsackgruppe Österreichs» stammt zwar aus Vorarlberg, hat aber auch Mitglieder von diesseits des Rheins.

Das Publikum ist – wohl schon des kuriosen Party-Kontrasts wegen – begeistert, und die Auftretenden bleiben auch wirklich bocksteif, einer der Drummer mit zusammengepressten Lippen, über die mit absoluter Zuverlässigkeit kein Lächeln huscht, nicht eines. Nur das Publikum kommt ganz aus sich heraus, beim mitreissenden «Oh when the Saints». (Unbedingt besuchen: www.dudelsackgruppe.com) Als der Auftritt dann vorüber ist, im Freien, sind die Bocksteifen in ausgelassener Stimmung. OMR-Lehrer Emilio Leone hat es in seiner original-schottischen Uniform genauso lustig wie der Drummer Beda Scherrer, als erfahrener «Räbafäger» das Gegenteil von humorresistent. Auf der Guggenhomepage steht am Anfang gross «Uhuara geil»; so findet Beda Scherrer auch die Dudelsack-Formation. Nein, den Bocksteifen war während ihres Konzerts keine Laus über die Leber gelaufen, das Publikum hat alles richtig gemacht. Elmar King erklärt die ernste Miene lächelnd: Man stecke in einer militärischen Uniform, die einem während der Auftritte alles andere als einen ernsten Blick verbiete.

Tag und Nacht vereint

Als dann – einige Zeit nach 22 Uhr – The Flying Koteletts zu ihrem 17. Christmas-Party-Konzert ansetzen, ziehen alle gleich voll mit. Geradezu unwiderstehlich: «This Love», die Coverversion eines Maroon-5-Hits, und das nachfolgende «Singing the Song». Nun kommen abermals die Pipes and Drums auf die Bühne, um mit den Koteletts, wie schon an der Rhema 2013, gemeinsam zu spielen.

«Mull of Kintyre», man muss es so sagen, ist der Hammer! Was Uneingeweihten in der Vorstellung wie Tag und Nacht vorkommen musste, die Dudelsack-Klänge und der Koteletts-Sound, fusioniert unerwartet zu zeitlosem Funkeln, nicht anders beim nachfolgenden AC/DC-Knaller «It’s a Long Way to the Top».

Zwei Stunden später brauche ich, zurück daheim, nach AC/CD nicht zu suchen, denn die Plattensammlung ist nun ja sortiert. Ausklingen lasse ich den Abend aber, der Erinnerung zuliebe, mit Musik von Copter.

Und ich muss erkennen: Die Erinnerung war, wie so oft, verwischt. Die Band klingt besser als erwartet. Nicht kraftstrotzend wie heute die Koteletts, eher liedermachermässig, aber gut. Wie schon erwähnt, zwei dieser alten Langspielplatten (inklusive Cover-Kunst von Spigar) sind bei eBay noch zu haben. Gibt es ein heisseres Weihnachtsgeschenk für das nächste Jahr?